VASTU VERSTEHEN
Was ist Vastu Shastra?
Woher die Lehre kommt, was in ihren Quelltexten steht — und warum sie kein Stil ist, sondern eine Ordnung.
Vastu Shastra — Sanskrit für „die Lehre vom Bauplatz“ — ist eine der ältesten Bau-Überlieferungen der Welt. Ihre Wurzeln liegen in den Veden, den frühesten Schriften Indiens, entstanden vor über dreitausend Jahren. Das Bauwissen selbst wird als Sthapatya Veda überliefert, der „Veda des Bauens“, und den Veden traditionell als ergänzende Wissenschaft (Upaveda) zugeordnet — so wie das Ayurveda, die Lehre vom Heilen. Beide gelten als Schwesterwissenschaften: Was Ayurveda für den Körper ist, ist Vastu für das Haus.
Die vedischen Wurzeln
Schon im Rigveda, dem ältesten der vier Veden, wird das Haus als etwas Geweihtes angesprochen: Zwei Hymnen richten sich an Vastoshpati, den „Herrn der Hausstätte“, und bitten ihn um Schutz und Segen für alle, die darin wohnen. Bauen war von Anfang an ein bewusster, heiliger Akt — nicht bloß das Errichten von Wänden. Handwerklich greifbar wird das in den Shulba-Sutras, den Geometrie-Lehrtexten für die vedischen Feueraltäre: exakte Ost-West-Ausrichtung, rechte Winkel, Quadrat-Konstruktionen — eine der frühesten angewandten Geometrien der Welt. Aus dieser rituellen Baukunst wuchs die indische Bauwissenschaft. Und im berühmten Purusha-Sukta des Rigveda erscheint das Bild, das Vastu bis heute trägt: der Kosmos als Körper des Purusha, des Urwesens — dieselbe Vorstellung, die im Vastu-Purusha-Mandala zum Grundriss-Diagramm geworden ist.
Dieselbe Weltsicht wie Yoga und Bhagavad Gita
Vastu steht nicht allein. Es teilt sein Fundament mit Yoga, Ayurveda und der Bhagavad Gita: die Lehre von den fünf großen Elementen (Pancha Mahabhutas) — Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. In der Bhagavad Gita zählt Krishna genau diese fünf — neben Geist, Verstand und Ich-Sinn — als die Bestandteile seiner Natur auf (Kapitel 7, Vers 4): Alles Stoffliche ist aus ihnen gefügt. Die Gita ist kein Baubuch, aber sie spricht dieselbe Sprache: Der Mensch ist Teil einer geordneten Schöpfung und lebt gut, wenn er im Einklang mit ihr handelt. Vastu wendet diesen Gedanken auf das Bauen an — ein Haus gerät wohl, wenn die fünf Elemente darin an ihrem Ort sind.
Auch die großen Epen erzählen vom Bauen. Im Mahabharata errichtet der Baumeister Maya den Pandavas ihre sagenhafte Palasthalle; und Dvaraka, die Stadt Krishnas am Meer, wurde der Überlieferung nach von Vishvakarma geplant, dem göttlichen Architekten. Auf diese beiden Ahnherren der Baukunst berufen sich die zwei klassischen Schulen des Vastu — die nordindische auf Vishvakarma, die südindische auf Maya, dessen Namen ihr Lehrbuch Mayamata trägt.
Vom überlieferten Wissen zum Lehrbuch
Systematisch aufgeschrieben wurde die Lehre in den folgenden Jahrhunderten: Der Astronom Varahamihira widmete ihr im 6. Jahrhundert ein eigenes Kapitel seiner Brihat Samhita; in Südindien entstanden die großen Traktate Manasara und Mayamata; im 11. Jahrhundert verfasste König Bhoja das Samarangana Sutradhara. Sie behandeln, was Bauende bis heute beschäftigt: die Wahl des Grundstücks, die Ausrichtung des Hauses, die Proportion der Räume und den richtigen Zeitpunkt des Bauens.
Kein Stil, sondern eine Ordnung
Im Kern beschreibt Vastu ein Verhältnis: zwischen dem Ort, dem Gebäude und den Menschen, die darin leben. Die Lehre geht davon aus, dass ein Haus kein neutraler Behälter ist. Ausrichtung zur Sonne, Lage der Räume, Öffnungen und Mitte wirken darauf, wie wir schlafen, arbeiten, zusammenkommen. Vieles davon deckt sich mit heutiger Bauphysik und Wohnpsychologie: Morgenlicht im Osten weckt, Südwest-Räume speichern Wärme und geben Ruhe, eine offene Mitte schafft Orientierung.
Sichtbar geworden ist die Lehre in ganzen Städten und Tempelanlagen — von den planvoll gerasterten Tempelstädten Südindiens bis zu Jaipur, dessen Altstadt als Mandala angelegt wurde. Vastu ist damit kein Stil und keine Dekoration, sondern eine Ordnung des Grundrisses — und genau deshalb bis heute anwendbar, in jedem Baustil.
Sie möchten nach Vastu bauen oder umbauen?
Olivera Reuther begleitet Sie von der ersten Idee bis zum fertigen Raum — in Berlin und darüber hinaus.